Rezensionen

[Rezension] Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

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Titel: Bis ans Ende der Geschichte
Autor: Jodi Picoult
Übersetzer: Elfriede Peschel
Verlag: Pinguin Deutschland (Random House)
Genre: Gegenwartsliteratur
Preis: 10,00 €
Erscheinungsdatum: 22.08.2016
Isbn: 978-3328100515

 

Ich danke dem Bloggerportal von Random House Verlagsgruppe für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Inhalt:

Sage Singer ist eine junge, leidenschaftliche Bäckerin. Als sie den allseits beliebten pensionierten Lehrer Josef Weber kennenlernt, entwickelt sich trotz des großen Altersunterschieds eine enge Freundschaft zwischen ihnen. Doch als Josef ihr eines Tages ein lange vergrabenes, schreckliches Geheimnis verrät, bittet er Sage um einen schwerwiegenden Gefallen. Wenn sie einwilligt, hat das allerdings nicht nur moralische, sondern auch gesetzliche Konsequenzen. Sage steht vor einem Dilemma. Denn wo verläuft die Grenze zwischen Hilfe und einem Vergehen, Strafe und Gerechtigkeit, Vergebung und Gnade?

Meinung:

Nachdem mir „Die Spuren meiner Mutter“ so gut gefallen hatte, war ich schon sehr gespannt auf dieses Werk der Autorin.

Der Rückentext verrät kaum etwas vom Inhalt und Geschichten um große Geheimnisse gibt es ja wie Sand am Meer. Doch „Bis ans Ende der Geschichte“ war so gewaltig. Es hat mich aufgewühlt, zum Nachdenken angeregt. Musste es stellenweise zur Seite legen und zum Schluss eine Nacht darüber schlafen, um mir über den Ausgang der Geschichte und meiner Meinung dazu im Klaren zu werden.

Um euch erklären zu können, warum mir dieser Roman so gut gefallen hat, muss ich ein wenig auf die Geschichte eingehen. Ich versuche dies wie immer so zu gestalten, ohne zu viel von ihr Preis zu geben.

Wie man es von Picoult gewohnt ist, wird der Roman aus verschiedenen Erzählperspektiven geschildert.

Da wäre zum einen die Mittzwanzigerin Sage, die sich nach einem Autounfall komplett zurück gezogen hat. Es sind sichtbare sowie unsichtbare Narben zurückgeblieben, die sie dazu veranlasst, nachts in einer Bäckerei zu arbeiten, um den Menschen aus dem Weg zu gehen. Zu anfangs war sie mir ein wenig zu selbstmitleidig, dies verändert sich zum Glück im weiteren Verlauf der Geschichte.

„Verlust ist nicht allein auf den Tod beschränkt, und Trauer ist ein mit Grauschleiern überzogenes Gefühl“. – Seite 15

In einer Trauergruppe lernt Sage den 95jährigen Josef kennen, der ursprünglich aus Deutschland stammt, und ein geschätztes Mitglied der Kleinstadtgemeinde ist. Als die beiden Freundschaft schließen und sie ihn besser kennerlernt weiht er sie jedoch in seine düstere Vergangenheit ein und bittet sie um einen Gefallen, der sämtliche ihrer Moralvorstellungen über den Haufen wirft.

„Wir fühlen uns zum Schrecklichen hingezogen, selbst wenn wir davor zurückschrecken“. – Seite 203

Im Zuge dessen lernen wir auch Leo kennen, der für eine US-Behörde ehemalige Kriegsverbrecher aufspürt, um ihnen den Prozess zu erklären. Seine Abschnitte waren etwas anstrengend zu lesen, da sie in einer dicker gedruckten Schrift gehalten wurden, um sie optisch von den anderen abzuheben. Dadurch hatte sie aber einen leicht verwischten Charakter und mir tränten nach ein paar Seiten die Augen. Meine bitte an den Verlag ist daher, dies vielleicht in der nächsten Auflage noch einmal zu überarbeiten.

Dann gibt es noch die Abschnitte, mit denen ich zunächst nicht viel anfangen konnte. Sie ähneln einem Märchen und scheinen zunächst nichts mit dem anderen Teil des Buchs gemein zu haben. Ich hatte mal an anderer Stelle gelesen, dass dies als Lückenfüller empfunden wurde. Diese Person hat den Roman anscheinend nicht bis zum Schluss gelesen, denn dieser Teil ist wichtig für den weiteren Verlauf der Handlung.

Den größten Raum in diesem Werk nehmen jedoch die Erzählungen von Sage Großmutter Minka ein. Sie ist die Mutter von Sages Vater und stammte ursprünglich aus Polen. Aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln hat sie eine Jugend durchlaufen, die der Hölle am nächsten kommt.

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Die Erzählstränge werden geschickt miteinander verbunden und ergeben erschütterndes und hochemotionales Gesamtwerk. Der Roman hat mich an manchen Stellen so sehr mitgenommen, dass ich ihn erst einmal zur Seite legen und pausieren musste. Ich habe schon einige Romane gelesen, die zur Seit des Nationalsozialismus spielen, doch hat es bislang keine geschafft, die Beschreibungen so realitätsnah erscheinen zu lassen, dass sie einem den Atem rauben. Einige Passagen haben mich so sehr zum Weinen gebracht, dass der bloße Gedanke daran, jetzt beim verfassen der Rezension, mir wieder die Tränen die Augen treibt. Man bekommt als Leser das Gefühl, hautnah in den Geschehnissen dabei zu sein und gerade aus diesem Grund, halte ich Picoult für eine irrsinnig gute Geschichtenerzählerin.

Das Ende hat mich so sehr überrascht, dass ich erst einmal einige Zeit über meine Meinung dazu nachdenken wollte. Auch wenn ich mit den Entscheidungen der Charaktere nicht konform gehe, sehe ich, was die Autorin damit bezweckt hat. Was ich mittlerweile über Picoults Romane gelernt habe ist, dass man bei ihr vor allem zwischen den Zeilen lesen muss. Keine Handlung, keine Unterhaltung wurde ungeplant in die Erzählungen eingefügt. Sie versucht den Lesern mit ihren Erzählungen zum Nacharbeiten des Gelesenen anzuregen und seine eigenen Moralvorstellungen einer genaueren Untersuchung durchzuziehen. Es gibt kein schwarz und weiß. Weder im realen Leben, noch in ihrem Figurenaufbau.

„Wenn wir sie außerdem alle in einen Topf werfen, weil sie Deutsche sind, sind wir nicht besser als sie, die auch keinen Unterschied machen und für die ein Jude wie der andere ist.“ – Seite 248

Kann der Feind Herz zeigen und ist jeder, der auf deiner Seite stehen sollte wirklich dein Freund? Wandeln unter den unseren gar die wahren Monster? All dies hinterfragt sie gekonnt und arbeitet dies geschickt in den Roman ein, so dass nicht jedes Handeln der Charaktere sofort als klar erscheint.

„Doch nicht alle Juden waren Opfer – das sah man am Judenältesten, der mit seiner neuen Frau in Sicherheit in seinem behaglichen Heim saß und Listen erstellte, während ihm das Blut meiner Familie an den Händen klebte.“ – Seite 330/331

Die deutsche Titelwahl ist in meinen Augen ebenfalls sehr gelungen, was ich nicht häufig sagen kann, da sie – wenn auch schmerzhaft – auf den Inhalt Bezug nimmt.

Fazit:

„Bis ans Ende der Geschichte“ ist ein Werk, dass man mich zum Innehalten gebracht und zum Nachdenken angeregt hat. Er stellt die menschlichen Charaktereigenschaften in Frage und zeigt, dass wir nicht einfach in gut und böse zu unterteilen sind. Es hat schon lange kein Roman mehr geschafft, mir so den Atem zu rauben und mich während des Lesens aufzuwühlen. Es ist ein Werk, für das man sich Zeit nehmen sollte. Aber dafür erhält man eine intelligente, gut recherchierte und einfühlsame Geschichte, die einem auch nach dem Beenden nicht so schnell loslassen wird. Eine klare Leseempfehlung meinerseits.

Weitere Meinungen:

Eine weitere Leserstimme zu „Bis ans Ende der Geschichte“ findet ihr bei Judiko.

 

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3 thoughts on “[Rezension] Bis ans Ende der Geschichte von Jodi Picoult

  1. tolle rezension! das klingt nach einem „must-read“. allerdings auch ziemlich anstrengend, wonach mir im moment definitiv nicht ist.
    ich war letzte Woche seit langem mal wieder in einer sehr hübschen buchhandlung und hab da ein paar für mich ansprechende bücher abfotografiert. ich bin (vermutlich auch dank der kalten jahreszeit) definitiv im schnulzen-modus und hab bock auf unintellektuelle liebesgeschichten 😀

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