Rezensionen

[Rezension] The Girls von Emma Cline

the girls

Titel: The Girls
Autor: Emma Cline
Übersetzer: Nikolaus Stingl
Verlag: Carl Hanser Verlag
Genre: Gegenwartsliteratur
Preis: 22,00 € Hardcover / 16,99 € ebook
Erscheinungsdatum: 25.06.2016
Isbn: 978-3446252684

Vielen Dank an den Carl Hanser Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Klappentext:

Kalifornien, 1969. Evie Boyd ist vierzehn und möchte unbedingt gesehen werden – aber weder die frisch geschiedenen Eltern noch ihre einzige Freundin beachten sie. Doch dann, an einem der endlosen Sommertage, begegnet sie ihnen: den „Girls“. Das Haar, lang und unfrisiert. Die ausgefransten Kleider. Ihr lautes, freies Lachen. Unter ihnen ist auch die ältere Suzanne, der Evie verfällt. Mit ihnen zieht sie zu Russell, einem Typ wie Charles Manson, dessen Ranch tief in den Hügeln liegt. Gerüchte von Sex, wilden Partys, Einzelne, die plötzlich ausreißen. Evie gibt sich der Vision grenzenloser Liebe hin und merkt nicht, wie der Moment naht, der ihr Leben mit Gewalt für immer zerstören könnte.

Meinung:

Emma Clines Debütroman ist ein sprachlich gewaltiges Werk, andersartig, teilweise langatmig, aber vor allem faszinierend.

„Es gab keine Nähte, keine Unterbrechungen – bloß die Wahrzeichen des eigenen Lebens, die man so sehr verinnerlicht hatte, dass man sie nicht einmal mehr bemerkte.“ – Seite 35

Die 14jährige Evie, aus dessen Sicht der Roman zu weiten Teil erzählt wird, erlebt eine Jugend, in der sich die meisten gut hineinversetzen mögen. Die Art und Weise, wie Clines Evies Gefühle bis ins kleinste Detail zu analysieren weiß ist regelrecht erschreckend. Evies Leben dreht sich fast ausschließlich darum, „gesehen“ zu werden. Doch weder erhält sie von ihren Eltern, noch von ihrer Freundin die Aufmerksamkeit, die sie sich so sehnsüchtig wünscht. Als sie die Clique um Suzanne kennenlernt, fühlt sie sich das erste Mal verstanden. Diese Mädchen sind genau das, was sie selbst nie sein kann und so beginnt zusammen mit den Mädchen ihr Abstieg in die Welt der Aussteiger, der Drogen und Gewalt.

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Die Autorin setzt auf einen blumigen, ausschweifenden Schreibstil sowie verschachtelte Sätze und ist dabei so bildhaft, dass man Evies Welt der 70er Jahre genau vor den Augen hat. Doch leider verfängt sie sich in teilweise doppelten Erinnerungen und Nebengeschichten, die dann und wann für Längen sorgen. Wenn man sich darauf einlässt, erhascht man weitere Einblicke in Evies Psyche. Für das Vorankommen der Geschichte haben sie allerdings nicht beigetragen und den Lesefluss das ein oder andere Mal ausgebremst.

Clines real existierende Vorlage zu ihrem Roman war der Kult um die Person Charles Manson. Eine thrillerartige Erzählung darf man aus diesem Grunde jedoch nicht erwarten. Ihr ging es vielmehr darum aufzuzeigen, wie leicht der Mensch manipulierbar ist und wie schnell, besonders junge Menschen wie Evie, in die Fänge von solchen Sekten geraten können. So sehr ich diese Umsetzung mochte, so blass erschien mir die Figur des Russells. Diese besondere Aura, die die Menschen angezogen hat, konnte ich nicht spüren. Generell erschien jeder Charakter neben Evie im Schatten zu stehen. Es ist eigentlich traurig. Das Mädchen, das sich selbst als unscheinbar und gewöhnlich sieht, hat einen so großen Sog geschaffen, dass alle anderen Personen im Buch völlig austauschbar wirken.

Fazit:

Emma Clines „The Girls“ erzählt von Evies Suche nach sich selbst und dem Versuch jemand anderes zu sein, um gesehen zu werden. Durch ihren bildhaften Schreibstil erschafft Cline eine bedrückende, melancholische Stimmung, die sich von ihrer Protagonistin auf den Leser überträgt. Die Lektüre des Romans war intensiv und fesselnd, trotz einiger, durch Nebenerzählungen heraufbeschworener Längen. Es ist kein Roman für zwischendurch, den er erfordert die volle Aufmerksamkeit seiner Leser. Ich habe ausschließlich die deutsche Ausgabe gelesen, doch muss ich dem Übersetzer mein vollstes Lob aussprechen. Eine klare Leseempfehlung meinerseits.

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5 thoughts on “[Rezension] The Girls von Emma Cline

  1. Hallöchen Nise,
    Das Buch habe ich auch gelesen und hatte dabei die selben Kritikpunkt wie du. Die schöne Sprache, der besondere Schreibstil, dass hat mir auch richtig gut gefallen. Dadurch wurden auch Beschreibungen von eigentlich ganz banalen Dingen (wie zB einer dampfenden Tasse Tee) zu etwas ganz Besonderem. Da habe ich mir so einige Zitate rausgeschrieben.
    Aber für mich hat sich die Autorin auch manchmal zu sehr in den Erinnerungen und Nebenschauplätze verloren. Schade eigentlich. Aber ich bin wohl auch mit falschen Erwartungen an das Buch herangegangen. Habe mir einen stärken Fokus auf die Sekte gewünscht. Stattdessen steht ja sehr die persönliche Entwicklung von Evie im Vordergrund.
    Trotzdem hab ich das Buch ganz gern gelesen.
    Liebe Grüße, Julia

  2. Huhu (:

    Was für eine schöne Rezension! Sie macht direkt Lust darauf, das Buch zu lesen, auch wenn es eigentlich so gar nicht in mein sonstiges Beuteschema passt. Ich werde es mir merken!

    Liebe Grüße!
    Anna

    1. Hallo Anna. Danke für deinen lieben Kommentar. Ja, so richtig in meines passte es auch nicht. Aber da ich so viel Gutes über das Buch gehört hatte, musste ich mir einfach selbst ein Bild davon machen. 🙂

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