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[Themenmonat] Autoreninterview mit Sven Hensel

Sven Hensel wurde am 23.10.1987 in Stralsund geboren, zog dann in seiner Jugend nach Leverkusen, wo er sein Abitur machte und kurz darauf Deutsch und Englisch an der Universität Duisburg-Essen studierte. Er ist ein gesellschaftskritischer Autor, der soziale Missstände in einer literarisch ansprechenden Form behandelt. Für ihn ist es von besonderer Bedeutung, Probleme unserer Zeit mittels feinfühliger Analysen zu ergründen und ein Bewusstsein für seine Leser zu schaffen. Seine erste Veröffentlichung war das Drama „Allein im Miteinander“, das sich mit dem Rassismus in Deutschland auseinandersetzt. Darauf folgte das Drama „Getriebene“ und eine Kurzgeschichten-Sammlung mit dem Titel „Ins Ungewisse“. Anschließend schrieb und veröffentlichte er seine erste Novelle "Im Kreuzfeuer".

Kitsune:

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst.

Sven Hensel:

Vielen Dank, dass du mich zum Interview eingeladen hast! Ich hab mich sehr gefreut, als die Anfrage kam:)!

Kitsune:

Ich habe vor Kurzem deine Novelle „Im Kreuzfeuer“ beendet und doch spukt sie mir immer noch im Geiste herum. Wenn mich als Leser die Handlung schon so mitnimmt: Wie ist es für dich als Autor, seine Figuren durch solche Gefühlsachterbahnen zu jagen?

Sven Hensel:

Ich glaube, ich nehme das teilweise anders als Leser wahr, da ich derjenige bin, der die Geschicke lenkt und meistens bin ich im Kopf während des Schreibens auch schon damit beschäftigt, die nächsten Eckpunkte der kommenden Seiten festzulegen, sodass ich während des aktiven Schreibens selbst das Gefühlschaos kaum an mich ranlasse. Das liegt vermutlich daran, weil ich meist nicht viel plotte, sondern mir pro Kapitel immer nur 3-4 Sätze als grobe Richtungen überlege und dann während des Schreibens komplett improvisiere, mich vom Flow und der Energie der Szene leiten lasse. Wenn ich das Geschriebene dann aber kurz darauf noch einmal lese, versuche ich sie nicht aus der Autoren-, sondern aus der Lesersicht völlig neutral und unvoreingenommen zu erfassen und wenn ich dabei eine besondere Art von Herzklopfen, sowie einen Kloß im Hals bekomme, weiß ich, dass ich auf dem richtigen Weg mit der Szene bin. Bleibt das aber aus, weiß ich automatisch, dass ich da noch nicht den emotionalen Kern des Moments erfasst habe und noch einmal ran muss, um Leser wirklich durchzurütteln. Das mache ich dann aber auch nicht ohne ein hohes Maß an hämischer Vorfreude, weil ich – so komisch es klingt – es sehr gerne mag, wenn meine Leser emotional stark getroffen, teilweise auch “zerstört“ werden. Das ist ein riesiges Lob, wenn mich Leser nach dem Beenden des Buches beinahe anspringen wollen oder mir aufgelöst schreiben, dass sie das Buch völlig fertiggemacht hat. Oder, wie du das eben sagtest, wenn das Buch noch ein wenig im Geist herumspukt.

Kitsune:

Wenn man dir in den sozialen Netzwerken folgt stellt man schnell fest, dass du dir klare Regeln setzt, was dein Schreibpensum anbelangt. Wie genau kann man sich deinen Schreiballtag vorstellen?

Sven Hensel:

Unter der Woche stehe ich meistens gegen 5 Uhr auf und bin eine Viertelstunde später bereits am Schreiben. Das geht dann ungefähr 1-2 Stunden, je nachdem wie lange es dauert, ich die ersten 500-600 Worte erreicht habe. Dann gehe ich meinem Brotjob nach und am Abend fange ich meist nach 18 Uhr noch einmal für 1-2 Stunden zu schreiben an, sodass ich am Ende des Tages um die 1000 Worte geschafft habe. Am Wochenende sieht das alles aber ein wenig anders aus, denn da stehe ich zwar auch so früh auf, versuche dann aber bis 11 Uhr schon mindestens 1000 Worte geschrieben zu haben, sodass ich nach einer Pause am Nachmittag noch einmal 500-1000 Worte schreiben kann. Das ist natürlich der Idealfall und nicht immer zu schaffen, weil Worte und Ideen leider nicht wie am Fließband bei einer Fabrik rauskommen, aber 80% der Zeit funktioniert das schon ganz gut. Sollte es aber mal nicht klappen, zwinge ich mich dazu, am nächsten Tag dementsprechend mehr zu schreiben, sodass gar kein Schlendrian einkehren kann. Das würde bei mir sonst nur zu Faulheit führen und so würden aus einem Tag Pause plötzlich ne Woche werden, ein Monat, usw.

Kitsune:

„Im Kreuzfeuer“ist eine Novelle, „Ins Ungewisse“ eine Kurzgeschichtensammlung und „Getriebene“ sowie „Allein im Miteinander“ sind Theaterstücke. Was fasziniert und reizt dich an diesen Formaten am meisten? Zusatz: Liest du selbst auch am liebsten kurze Geschichten oder präferierst du Romane?

Sven Hensel:

Wenn man das so auflistet, hört sich das fast an, als könnte ich mich nicht entscheiden, in welchem literarischen Genre ich mich Zuhause fühle und vielleicht ist das sogar auch so. Ich habe mir mal selbst als Autoren-Lebensaufgabe gesetzt, sozusagen als Bucketlist, dass ich jeweils eine Novelle, ein Theaterstück, einen Roman und eine KG-Sammlung schreiben will. Ich hab mich da vom leider viel zu frühen Tod von Lorraine Hansberry (35) beeinflussen lassen und deswegen überwiegt vermutlich eher, dass ich mich in diesen Genres ausprobieren wollte, anstatt dass ich von ihnen allen wirklich fasziniert war. Kurzgeschichten mochte ich z.B. vorher eigentlich nicht so gerne, weil ich die Kunst dahinter nicht wirklich begriffen hab, bevor ich selbst welche schrieb und viel auf wenigen Seiten ausdrücken wollte. Inzwischen habe ich aber wirklich Geschmack an allen diesen Genres gefunden und jetzt, wo ich auch einen Roman geschrieben und damit die Bucketlist komplett erledigt habe, gönne ich mir auch die komplette Freiheit, in dem Genre zu schreiben, worauf ich gerade Lust habe. Ich schreibe gerade parallel z.B. an einem Theaterstück, weil ich Dialoge liebe und es wahnsinnig spannend finde, wie Handlung nur über Gespräche funktioniert. Gleichzeitig schreibe ich noch an einer zweiten Kurzgeschichtensammlung, die dieses mal weniger experimentell, sondern viel mehr erzählende Aspekte besitzen soll, weil mich dieses kurze Abtauchen in einen Kosmos mit einer völlig neuen Figur und einer neuen Grundproblematik begeistert, und an einem zweiten Roman schreibe ich auch, da ich Geschmack daran gefunden habe, einige wenige Figuren durch ein langes, emotionales Chaos zu führen. Es macht mir da sehr viel Spaß, die Fertigkeiten, die ich durch die Theaterstücke gelernt habe, mit denen durch die Kurzgeschichten zu verschmelzen und mir richtig viel Zeit für eine Geschichte zu nehmen, um u.a. den sozialen Konflikt und die Figur vielschichtiger darstellen zu können.

Und zu deiner Zusatzfrage: schwierig zu sagen, wenn ich ehrlich bin. Generell fehlt mir leider die Geduld für die meisten Romane über 350 Seiten, weil ich möglichst viele unterschiedliche Eindrücke und Buchwelten erfassen will, sodass es mir schwer fällt, über lange Zeit an ein Buch gebunden zu sein. Da gibt es zwar auch Ausnahmen, aber meistens mag ich Bücher, die eher kürzer sind. Theaterstücke lese ich auch wahnsinnig gerne. Bände mit vielen Kurzgeschichten zwar auch, aber dann muss ich den Autor bzw. die Autorin vorher schon durch andere Werke gekannt haben, um einschätzen zu können, ob ich mich von der Person in viele unterschiedliche Welten innerhalb eines Buches entführen lassen möchte.

Kitsune:

In welches Genre würdest du nie reinwagen und warum nicht?

Sven Hensel:

Ich würde mich sicher niemals ins Fantasy-Genre wagen, weil mir dazu einfach die visuelle Kreativität fehlt, mir eine komplett neue Welt ausdenken zu können, die dann auch noch mit dem Ideenreichtum und der Authentizität bereits existierender Fantasy-Welten konkurriert. Da kann ich meinen KollegInnen nur großen Respekt aussprechen, dass sie es schaffen, sich Welten so detailliert auszudenken, dass sie für LeserInnen wie eine Art Parallele zu unserer eigenen Realität sind und sich dennoch ähnlich glaubhaft/echt anfühlen. Meine Bücher und damit auch meine Geschichten sind eigentlich immer in der Realität angesiedelt oder zumindest in einer Welt, die sehr ähnlich ist, auch wenn ich ab und zu Zeitsprünge mache oder fiktive Städte erschaffe. Das ist aber keinesfalls ähnlich aufwendig wie z.B. das Herr-der-Ringe-Universum. Ich lege bei meinen Geschichten auch meist den Fokus auf die Figuren und die sozialen Probleme/Interaktionen und vernachlässige dabei die Räume, in denen die Geschichten geschehen, also mache etwas, was beim Fantasy-Genre sicher eine Todsünde wäre, da gerade die Beschreibungen der Welt jene erst greifbar machen.

Kitsune:

An welchem Zeitpunkt hast du gemerkt, dass du Autor werden möchtest?

Sven Hensel

Es war ungefähr in der 5. oder 6. Klasse, als mir klar wurde, dass ich gerne mit Wörtern hantiere und es mir Spaß macht, Geschichten zu erfinden. Die habe ich dann auch immer schon anderen Leuten gezeigt und gespannt auf ihre Reaktionen gewartet. Allerdings verlor ich diesen Weg im Laufe der Schulzeit etwas, bis ich ihn nach dem Studium wiederentdeckt habe, weil mich die Theaterstücke, die in der Uni vorkamen, nicht mehr losgelassen haben. Und da musste ich mich einfach selbst am ersten, eigenen Theaterstück versuchen. Als das dann beendet war und ich die ersten Reaktionen erhielt, wusste ich genau, dass genau dieser Weg richtig und wichtig für mich ist. Nicht nur, weil ich es mag Feedback zu erhalten und andere Menschen mit meinen Geschichte zu erfreuen/rühren/aufzuwühlen, sondern weil es auch eine Möglichkeit für mich darstellt, literarisch auf Missstände aufmerksam zu machen. Wenn man mir auf den sozialen Kanälen folgt, wird man da kaum drum herum kommen, genau das auch dort zu sehen: diese Hinweisen auf Probleme in der Welt und das bringe ich auch in meinen Büchern mit ein.

Kitsune:

Gibt es literarische Vorbilder, die dich langfristig beeinflusst haben?

Sven Hensel:

Ich glaube, im Bereich der Theaterstücke gibt es zwei, die mich wahnsinnig begeistert und dadurch auch beeinflusst haben: Arthur Miller und Lorraine Hansberry. Beide hatten eine Art, Theaterstücke als einen Ausschnitt des Lebens zu zeigen, während sie gleichzeitig viel Sozialkritik in ihre Arbeiten fließen ließen. Was meine Prosa-Texte angeht: da habe ich keine literarischen Vorbilder, weil sich die Art, wie und über was AutorInnen geschrieben haben bzw. schreiben, die ich toll finde, doch schon von dem unterscheidet, wie und worüber ich schreibe. Ich mag z.B. Kafka, Murakami, Noll, Simenon, Nothomb, Hesse, Ruiz Zafon und viele andere, aber alle ihre Wege unterscheiden sich von meinem und vielleicht ist das gar nicht so verkehrt. Immerhin kommt man so nicht in die Bredouille einfach nur deren Geschichten neu zu erzählen. Bei den Theaterstücken existiert diese Gefahr zum Glück nicht, da sowohl Hansberry als auch Miller stark Amerika-fokussierte Themen behandelt haben, die jeweils nur einen bestimmten Moment in der Geschichte des Landes darstellten. Bei meinen „Allein im Miteinander“ und „Getriebene“ spielt die Zeit keine Rolle, sondern sie fokussieren sich eher auf gesellschaftliche Probleme, die jetzt, vor 20 Jahren oder auch in 30 Jahren noch die gleiche Bedeutung und Daseinsberechtigung haben werden.

Kitsune:

Neben deiner Tätigkeit als Autor schreibst du regelmäßig Blogbeiträge und ermunterst auch andere Autoren, dies ebenfalls zu tun. Was genau sind die Vorteile eines Autorenblogs?

Sven Hensel:

Ich würde da zwei Arten von Autorenblogs unterscheiden: einerseits kann man einen Blog über die eigenen Schreibprozesse führen, wie man in den eigenen Geschichten vorgeht, wie man vorankommt, was einen bewegt, was einen inspiriert, usw. Das ist vor allem für die Leser interessant, denen man so einen Einblick hinter die Kulissen des Schreibens gewährt und die man so an die Hand nehmen kann, während ein neues Buch entsteht. Hierdurch bindet man Leser an sich und bietet eine Art Service, der über das gängige Leser-Autor-Verhältnis hinausgeht. Außerdem haben Leser dadurch die Möglichkeit, immer wieder auf die Autorenseite zu gehen und werden passiv ermuntert, sich auch mit den anderen Büchern auseinandersetzen, wodurch sich Käufe ergeben.

Andererseits gibt es die Art von Autorenblogs, wie z.B. ich ihn betreibe: Hier liegt das Augenmerk weniger auf der eigenen Person und dem eigenen Schreiben, sondern vielmehr darauf, sowohl für Leser als auch für andere Autoren einen Anlaufplatz für Hilfestellungen, Tipps und Beiträgen über Branchenthemen zu bieten. Hierdurch bietet man Lesern eine andere Art von Blick-hinter-die-Kulissen, da die Technik und die Gedankenprozesse hinter dem allgemeinen Schreiben ebenso im Vordergrund stehen wie auch die technischen/ handwerklichen Probleme dabei. Anderen AutorInnen kann man hierdurch helfen, nicht durch die gleichen Schwierigkeiten-Sümpfe durchwaten zu müssen, die man selbst erlebt hat und erarbeitet sich so, wenn man bei den Beiträgen gute Arbeit leistet, ein gewisses Ansehen, Ahnung von der Schreibmaterie zu haben und es entstehen viele spannende Gespräche über unterschiedliche Erfahrungen. Gleichzeitig ist die Freude, die man als Autorenblogger empfindet, sehr groß, wenn ein Kollege oder eine Kollegin auf einen zukommt und sich glücklich bedankt, weil man durch einen Blogbeitrag Hilfestellung geboten hat und der Person z.B. aus einem Schreibtief helfen konnte.

Beide Varianten eines Autorenblogs funktionieren unabhängig voneinander sehr gut und können natürlich auch gemischt werden, um noch mehr Breite zu bieten. Da hat man als AutorIn die freie Wahl und kann sich so positionieren, wie man sich am wohlsten fühlt. Generell aber gilt folgende Sichtweise: durch einen Blog gibt man jeder Art von Buchmensch einen Grund, die eigene Seite immer wieder zu besuchen und bleibt so dauerhaft in den Köpfen, was für eine Vernetzung und zukünftige Veröffentlichungen nicht verkehrt ist. Immerhin bietet man durch den Blog einen Mehrwert, der Menschen anlocken und hoffentlich begeistern kann. Ohne den Blog würden die Leute vielleicht einmal kurz vorbeischauen und dann erst Monate später. So hat man eine gewisse „Laufkundschaft“ und kann eine tolle Bindung zu den LeserInnen aufbauen.

Kitsune:

Was sind deine drei absoluten Buchempfehlungen für meine Leser?

Sven Hensel:

Absolute Buchempfehlungen sind natürlich immer etwas schwierig, weil jeder Geschmack verschieden ist, aber ich denke da sofort an Carlos Ruiz Zafons „Der Schatten des Windes“, weil dort auch die Liebe zu Büchern ein zentrales Motiv ist, was deinen Lesern sicher gut gefallen wird. Außerdem würde ich noch „Kafka am Strand“ von Haruki Murakami empfehlen, in dem Bücher zwar ebenfalls eine Rolle spielen, aber vor allem die Geschichte und die Hauptfigur so einzigartig sind, dass man die vielen Seiten nur verschlingen möchte. Und da auch die Sicht des Autors auf den eigenen Roman mal ganz interessant sein kann, empfehle ich noch „Spinner“ von Benedict Wells. Alle drei Romane haben mich wirklich begeistert und ich war bei jedem der drei am Ende traurig, als ich die letzte Seite erreicht und damit das Ende dieser Geschichten erreicht hatte. Und das ist ja immer ein gutes Zeichen, wenn man nicht möchte, dass das Buch endet!

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1 thought on “[Themenmonat] Autoreninterview mit Sven Hensel

  1. Guten Morgen Denise,

    Sven Hensel hatte ich bisher noch gar nicht auf dem Schirm (hin und wieder bin ich auf Twitter über den Weg gelaufen), aber er wirkt sehr sympathisch!
    Ich werde mir jetzt seine Bücher auf jeden Fall näher anschauen. Besonders „Allein im Miteinander“ hört sich vom Thema her super an.

    Ich finde es schön, dass er so ausführliche Antworten gegeben hat. Nichts ist langweiliger, als Ein-Satz-Antworten der Autoren. Und auch deine Fragen fand ich gut – nicht 0815, sondern auf ihn abgestimmt.
    Ich freue mich schon auf weitere Autoreninterviews von dir!

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    Celina

    PS: Das mit den ausklappbaren „Karteikarten“ neben seinem Bild ist richtig cool!

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