Rezensionen

[Rezension] Die Phantasie der Schildkröte von Judith Pinnow

„Die Phantasie der Schildkröte“ ist ein weiterer Roman, der bei mir untergegangen wäre, hätte ich nicht eine Leserunde dazu entdeckt. Ich hatte mit Leserunden in der letzten Zeit nicht all zu viel Glück gehabt und war zunächst unsicher, ob eine Teilnahme einen Mehrwert bringen würde oder nicht. Da der Klappentext nicht nur einen unterhaltsamen Roman, sondern auch einen regen Austausch in der Runde versprach, entschied ich mich doch für eine Teilnahme. Ein besonderer Pluspunkt der Leserunde war die Beteiligung der Autorin, da hierdurch konkrete Fragen direkt gestellt und beantwortet werden konnten.

Titel: Die Phantasie der Schildkröte
Autor: Judith Pinnow
Verlag: Fischer Krüger
Genre: Roman
Seiten: 416
ISBN: 978-3810530356
Erschienen: 24.08.2017

Was passiert, wenn ein Kind das Leben einer Erwachsenen in die Hand nimmt? Edith ist Mitte vierzig und wohnt allein in einer kleinen Wohnung in Köln. Ihr Leben verläuft in sehr engen Bahnen. Tagsüber arbeitet sie bei einer Versicherung, abends schaut sie Fernsehen. Außer zu ihrer Mutter, mit der sie sich pflichtschuldig einmal im Monat trifft, um sich von ihr kritisieren zu lassen, hat sie kaum Kontakte. Das ändert sich, als sie mit einer Zehnjährigen im Aufzug stecken bleibt. Die Kleine beginnt ein raffiniertes Spiel mit ihr, der Beginn einer sehr ungewöhnlichen Freundschaft. Jeden Tag muss Edith eine neue Aufgabe erledigen, und ihr Leben verändert sich dabei mehr als sie es je für möglich gehalten hätte. (Fischer)

Judith Pinnow, geboren 1973 in Tübingen, besuchte die Schauspielschule in Ulm und studierte am Lee Strasberg Theatre Institute in New York. Als Schauspielerin war sie in Fernsehserien und in Filmen zu sehen. Bekannt wurde sie als Fernsehmoderatorin. Mit ihrem Ehemann und Kollegen Stefan Pinnow und ihren drei Kindern lebt die Autorin in der Nähe von Köln.

Vielen Dank an den Fischer Verlag für das Rezensionsexemplar.
 

Meinung

 

Edith ist eine Protagonistin, wie sie einem derzeit nur wenig über den Weg läuft. Strenge, selbstauferlegte, Tagesabläufe und feste Handlungsweisen bestimmen ihren Alltag und ihr Leben. So zurückgezogen ist es allein der Weg zur Arbeit und zurück, der sie mit der Außenwelt verbindet. Warum sie so geworden ist lässt schnell nachvollziehen, lernt man den ihr übrig gebliebenen Teil ihrer Familie erst einmal kennen. Diese Kombination war auch dafür verantwortlich, dass ich Edith von Anfang an ins Herz schließen konnte. Vieles an ihr erinnerte an mich selbst und im späteren Verlauf gab es dadurch sogar den ein oder anderen Triggermoment.

In diesem Roman treffen Gegensätze zwar gekonnt, im Nachhinein betrachtet jedoch in einer hohen Häufigkeit, aufeinander. Die unterschiedlichen Charaktere besitzen ausgereifte Persönlichkeiten und wirken zwar leicht überzogen, jedoch wundervoll im Umgang miteinander. Der Anfang ist märchenhaft gehalten. Dieser Zauber des Aufbruchs, der neue Freundschaften und einen Lebenswandel verspricht, wechselt sich gleichermaßen mit ruhigen Momenten ab, die zum Nachdenken anregen. „Die Phantasie der Schildkröte“ lebt sehr von Gefühlen und Emotionen. Leider flachen diese im letzten Drittel in der Art ab, dass die Realität weit in die Ferne rückt. Auch wenn die Erzählungen absichtlich überspitzt dargestellt werden, gerieten sie gegen Ende hin zu sehr in die Richtung der unmöglichen Zufälle. Dieser leicht magische Charme, der mich von Beginn an abholen konnte, verwandelte sich dadurch in eine Geschichte, die schnell zu Ende erzählt werden wollte. Was sehr schade ist, denn das Buch ist voll mit kleinen wunderschönen Momenten.

„Na und? Hört man als Erwachsener plötzlich auf, sich über schöne Dinge zu freuen?“ – Seite 268

Genauso phantasievoll wie Ediths Gefühlswelt, wurde auch das Köln dieses Roman gestaltet. In der Regel habe ich kein Problem damit, wenn real existierende Städte auf fiktive Ausarbeitungen von Autoren treffen. Dieser Roman romantisiert meine Blume aus Beton allerdings in einer Weise, die man überlesen, die mir jedoch negativ aufgefallen ist. Dieser Kritikpunkt ist jedoch eine rein persönliche Feststellung meinerseits. Meine wirklichen Kritikpunkte sind unter anderem der bereits erwähnte Schluss, der zu schnell abgehandelt wirkt. Hier und da habe ich noch Ähnlichkeiten zu anderen Romanen feststellen können. Alles in allem sind diese Punkte jedoch nicht zu greifend, dass sie mir den Spaß am Roman nehmen konnten. Dafür spricht auch, dass ich ihn kaum aus der Hand legen mochte. Durch den besonderen Humor könnte ich mir „Die Phantasie der Schildkröte“ auch wunderbar in einer filmischen Adaption vorstellen.

Der Titel ist in vielerlei Hinsicht passend zum Roman gewählt. Es sind nicht nur diese wundervollen Tiere, die bei Gefahr den Kopf einziehen. Die Welt um uns herum ist voll mit einsamen Seelen, die auf ihre passenden Gegenstücke warten. Es bedarf nur ein Blick hinter den Panzer um den wahren Kern ausfindig zu machen.

 

Fazit

 

„Die Phantasie der Schildkröte“ startet stark, um dann mit einem zu rasch erzählten Ende abgeschlossen zu werden. Auch wenn die Entwicklung der Protagonistin im Großen und Ganzen passend für die Länge des Romans war, wirkte sie auf den letzten Seiten doch sehr herunter gebrochen. Alles in allem ist „Die Phantasie der Schildkröte“ jedoch ein toller Herbstroman der mit eigenwilligen und liebenswürdigen Charakteren sowie einer leicht überdrehten Handlung punktet.

Eine Leseempfehlung für Freunde von Entwicklungsgeschichten und Romanen über ungewöhnliche Freundschaften.

„Die Geschichte kling wie ein Märchen , ist poetisch und geheimnisvoll und hat mich schnell in den Bann gezogen. Leider verblasste aber dieser besondere Zauber gegen das Ende hin , darum nur vier Sterne.“

Rees auf Lovelybooks

Bildquelle Cover: amazon.de
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