Rezensionen

[Kurzrezension] Super, und dir? von Kathrin Weßling

Titel: Super, und dir?
Autorin: Kathrin Weßling
Verlag: Ullstein Buchverlage
Genre: Roman
Seiten: 256
Erscheinungsdatum: 06.04.2018
ISBN:978-3961010103

Marlene Beckmann ist 31 Jahre alt und lebt das Leben, das sie sich gewünscht hat. Auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet sie meistens: »Super, und dir?« Marlene hat sich äußerlich im Griff. Bis der Urlaub, auf den sie seit Monaten gewartet hat, nicht genehmigt wird. Bis ihr Freund deshalb alleine nach Teneriffa fliegt und Marlene einfach nicht zur Arbeit geht. (Verlag)

Kathrin Weßling, geboren 1985 in Ahaus, arbeitet als Journalistin und Social-Media Redakteurin (SPIEGEL ONLINE, stern.de, NDR etc.). Sie liebt Dinge mit WLAN und Liebe. Bisher sind zwei Bücher von ihr erschienen: Drüberleben, 2012 und Morgen ist es vorbei, 2015. Außerdem schreibt sie Texte für Spiegel Online, Stern, Zeit online, Neon, Jetzt, SZ. Kathrin Weßling lebt in Hamburg. (Verlag)

Meinung

Zunächst waren da Titel und Cover, welche mich magisch auf den Klappentext klicken ließen. Und als der ebenfalls zusagte, kam ich um eine Anfrage bei Netgalley nicht drumherum. Vielen Dank an dieser Stelle deswegen noch einmal an Ullstein sowie Netgalley für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars in elektronischer Form.

Super, und dir? wirft einen nüchternen Blick auf unsere Gesellschaft und die Erwartungen, die diese an uns stellt. Leistungsdruck, falsche Freund- und Bekanntschaften sowie das Gefühl der inneren Zerrissenheit werden die meisten von uns bei sich selbst wieder erkennen. Aus diesem Grunde fiel mir das Identifizieren mit Protagonistin Marlene kaum schwer.

„Ich mache das Richtige, ich arbeite, ich funktioniere, ich networke, ich mache Karriere, ich bin ein wertvolles Mitglied dieser Gesellschaft und trage zum Bruttoinlandsprodukt bei, zahle Steuern und unterstütze die Industrie mit meinem ständigen Konsum von unnützen Zeug. Ich bin ein sehr guter Mensch.“ – Pos. 512

Marlene ist überfordert. Überfordert durch ihren Job, durch ihre Familie, durch ihre Beziehung. Jeder sucht sich sein Ventil, um den immerwährenden Druck abzubauen. In Marlenes Fall ist es der Abrutsch in psychische Probleme und letzten Endes findet sie keine andere Möglichkeit mehr, dem all zu entkommen, als nach harten Drogen zu greifen. Die Schilderungen ihrer Trips wirken erschreckend echt oder eben zumindest so echt, wie man es sich als Laie vorstellen mag. So richtig in sie hineinversetzen konnte ich mich zu Beginn ihrer Tätigkeit bei der neuen Arbeitsstelle. Einem großen Unternehmen mit Perspektiven hier und jungen Impulsen da. Wenn man selbst einmal in einer solchen Firma gearbeitet hat, wird einem bei der Lektüre dieses Romans schnell klar, dass sich hinter den Versprechen des Vorgesetzten nichts als heiße Lüftchen verbergen und so begleitet man Marlene in ihren persönlichen Abgrund aus Überstunden, Schlafstörungen und dem Gefühl der Perspektivlosigkeit.

„Ich wurde verarscht, weil alle, einfach alle mir versprochen haben, dass ich nur hart genug zu mir sein muss, nur dünn, fleißig und hübsch genug, nur therapiert und reflektiert genug, nur geil und kinky genug, lieb und cool, gleichzeitig aber auch besonders, dann kriege ich, was ich will, was ich brauche, was mich weiterbringt, was wichtig für meine Persönlichkeitsentwicklung ist.“ – Pos. 1115

Ich bin mir sicher, dass Super, und dir? polarisieren wird. Den einen wird der Roman aufgrund seines ernsten und nüchternen Tons zusagen, die anderen werden vielleicht sagen, dass ihnen die bedrückende Stimmung ab einem gewissen Punkt zu viel sein wird. Mit einer ganz kurzen Verschnaufpause und ein wenig Abstand zum Geschehen tendiere ich zur ersten Gruppe. Kathrin Weßlings Erzählweise gibt einem das Gefühl, selbst von diesem Leben, dass eigentlich Marlene Beckmann gehört, betroffen zu sein. Marlenes Gefühl des Ertrinkens ist auf der einen Seite so wirr und auf der anderen jedoch so nachvollziehbar. Und so hätte ich ihr gerne einen etwas anderen Romanabschluss gegönnt. Aber bin ich enttäuscht von diesem Ende? Auf keinen Fall, denn es bleibt alles offen und gleichzeitig wirkt alles so endgültig.

Fazit

Stell dir vor du fällst in einen dunklen Abgrund und es ist niemand da, der dich auffängt. Wirst du es aus eigenem Antrieb herausschaffen oder weiter fallen? Super, und dir? zog mich zusammen mit Protagonistin Marlene tief in ihr Leben, in ihre Geschichte hinein. Selten habe ich einen so bedrückenden Roman gelesen, den ich nicht nach jeder zweiten Seite weglegen oder abbrechen wollte. Super, und dir? ist so authentisch, dass das Lesen innerlich schmerzt. Ist Super, und dir? eine Abrechnung mit unserem System? Vielleicht. Eventuell möchte Kathrin Weßling jedoch auf etwas ganz anderes aufmerksam machen, was mir entgangen ist. In jedem Fall regt er an darüber nachzudenken, ob wir wirklich diesen einen Job behalten wollen der uns unglücklich macht. Ob wir unbedingt diesen Partner an unserer Seite brauchen, oder ob wir  nicht alleine besser bedient wären. Und somit ist Super, und dir? nicht nur ein kleines Highlight in meiner Leseflaute, sondern auch ein vorgehaltener Spiegel.

 

 

Rezensionsexemplar
Coverrechte: Ullstein Buchverlage

Könnte dir auch gefallen

8 thoughts on “[Kurzrezension] Super, und dir? von Kathrin Weßling

  1. Das klingt ja wirklich interessant! Ob es mir jetzt gefallen würde weiß ich beim besten Willen nicht, aber die Thematik finde ich sehr ansprechend. Immerhin ist das ja wirklich ein g3oses Problem unser2r Gesellschaft :/

    1. Du solltest auf jeden Fall in einem gefestigten Zustand sein, wenn du es lesen möchtest. Zwischendrin hatte ich eine kurze Pause, weil ich generell sehr emotional war, da war der Roman auch für mich zu viel.

Kommentar verfassen