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Von Spiegeln und verschwundenen Schwestern

Früher Morgen. Meine Mutter reißt meine Zimmertür auf und sagt, dass ich mich beeilen soll. Jeden Tag der selbe Scheiß. Also stehe ich auf und gehe zu meinem Kleiderschrank. Dabei komme ich an meinem bodentiefen Wandspiegel vorbei und bleibe vor diesem stehen. Ich weiß nicht wieso, aber irgendetwas verändert sich. Ein tiefes Begehren ist im Begriff, meine Gefühle völlig zu übernehmen. Noch kann ich mich dagegen wehren, aber wie lange wird mein Widerstand noch halten? Ich muss versuchen, zum Schrank zu kommen. „Reiß dich zusammen, Prota-chan!“, brülle ich mein Spiegelbild an. Und doch bleibe ich wie erstarrt davor stehen. Und ehe ich mich noch länger beherrschen kann, verlassen auch schon die ersten Worte meinen Mund.
„Hallo, i bims. Prota-chan.“
Ich merke, dass meine Mutter den Raum betritt. „Prota-chan, was machst du denn da?“, schreit sie mich an. Ihre Augen sind vor Angst weit aufgerissen. Was ist hier los? Doch es ist wie geistiger Durchfall. Die Worte bahnen sich einfach ihren Weg und mein Spiegelbild blickt mir voller Vorfreude entgegen. „Meine Haare sind so hell und fein, dass sie fast durchsichtig wirken. Mama, was passiert hier mit mir?“
„Prota-chan mein Schatz…“ Mama verstummt, sammelt sich und will fortfahren, aber da geht es auch schon weiter.
„Auch meine Augenfarbe kann man als eher langweilig bezeichnen. Die Kombination aus meinem feinen, nichtssagenden Haaren und meinen kleinen Augen sowie mein unauffälliger Kleidungsstil machen mich zum Mädchen von nebenan.“
Immer noch erschrocken über das, was gerade passiert, drehe ich mich wieder zu meiner Mutter um, die nun leise mit sich selbst zu sprechen scheint. Ihren Wortfetzen ist ein „hätte wissen müssen“ und ein „was würde nur Großmutter jetzt machen“ zu entnehmen. Ich versuche zu ihr zu kommen, doch mein Körper kehrt instinktiv immer wieder zu seinem angestammten Platz vor den Spiegel zurück. Ich merke, wie der nächste Schwall sich ergießen möchte.
„Und dann noch diese Sommersprossen. Wie ich sie hasse. Warum kann ich nicht sein wie meine Schwester? Wo ist sie eigentlich? Mama, wo ist sie?“
„Sie musste doch wegen dieser einen ganz wichtigen Sache ins Ausland mein Schatz. Das weißt du doch“, versucht Mama mich zu beruhigen. Ich starre sie entgeistert an.
„Sache, welche Sache? Ich verstehe das alles nicht!“
„Ich kann dir das jetzt noch nicht sagen mein Schatz. Das würde doch die Dramatik aus der Sache nehmen. Außerdem bist du sehr dumm mein Kind. Ach, wie viel du noch lernen musst. Allerdings nicht von mir. Ich bin schließlich deine Mutter und nicht deine Mentorin. Wer weiß, wie lange es überhaupt noch dauernd wird, bis ich entführt oder gar getötet werde. Ich bin schließlich die Mutter.“
Die letzten Worte sind nur noch ein leises Flüstern und doch machen sie mehr Angst, als alles andere zusammen. Doch ich schaffe es einfach nicht, weitere Fragen zu stellen.
„Wenn ich doch nur Aussehen würde wie Antagonistin-san. Oh, wie sehr ich sie doch um ihre wunderschönen, hüftlangen Haare beneide. Die sich in langen schwarzen Wellen über ihren Rücken ergießen. Und ihre Augen erst! Für diese Augen würde ich töten. Wenn ich doch nur aussehen könnte wie Antagonistin-san. Dann würde Love-Interest-kun mich auch endlich beachten!“ Das scheinen die letzten Worte zu sein. Ich schaue in den Spiegel und auf meine Reflexion. Warte. Auf was, weiß ich nicht so genau. Doch es passiert nichts. Ich bin erledigt, fühle mich schwach.
„Mama? Was passiert hier mit mir?“
„Schatz, dein verstorbener Vater und ich … wir wollten es dir schon so lange gesagt haben. Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll. Es fällt mir so schwer.“ Das Gesicht meiner Mutter hat mittlerweile die Farbe meiner Zimmerpflanze angenommen (Memo an mich, ich sollte sie mal wieder gießen). Langsam werde ich wirklich wütend. Was verschweigt sie mir?
„Was habt ihr mir all die Jahre verschwiegen, Mama? Nun sag es mir doch endlich!“, jammere ich.
„Also gut. Prota-chan, du… Ich kann nicht.“
„Bitte, sag es mir endlich!“
„Prota-chan, du bist die Protagonistin in einem Yound Adult Roman.“
„NEIIIIIIN!!!“

– Ende –

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