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Rivalinnen stalken ist kein Hobby

Ich bin jetzt Buchbloggerin! Ja, da habt ihr richtig gelesen. Oh wow, ich bin ja so aufgeregt, was das alles für mich bedeuten wird.
„Es wird nichts verändern“, tönt es aus dem Wohnzimmer. Ich gehe hinüber und sehe Mama, die vor ihrem Laptop sitzt. Habe ich etwa laut gesprochen?
„Aber Mama, du weißt doch wie viel es mir bedeuten wird. Ich will genau wie dieses Mädchen aus dieser einen Buchreihe sein. Du weißt schon, die, die mit diesem Alien zusammenkommt. Sie liebt Bücher und sie ist auch Bloggerin.“ Mama blickt nicht einmal auf, als sie zu einer Antwort ansetzt.
„Ja“, aber liest sie denn wirklich? Oder ist das nicht ein bloßer Füller, um ihrem Leben einen Sinn zu geben, da sie ansonsten nichts außer ihrem sexy Alien vorzuweisen hat?“ Hieß es nicht, dass Mütter von Protagonistinnen immer sterben? Ist dieser Moment nun gekommen?
„Das ist so gemein von dir Mama, du weißt doch, wie sehr ich diese Buchreihe liebe“, setze ich zu meiner Verteidigung an. Immer noch blickt sie nicht von ihrer Arbeit auf. Sie nimmt mich einfach nicht ernst.
„Mama?“
„Prota-chan, mein Schatz“, fängt Mama an und sieht mir dann endlich in die Augen, „wie kannst du eine Reihe lieben, die du nie zu Ende gelesen hast?“
„Aber ich-„, sie unterbricht mich.
„Ja, du hast den ersten Teil gelesen. Daraufhin habe ich dir die anderen Bücher zum Geburtstag geschenkt und seitdem liegen sie verstaubt in deinem Zimmer rum. Du wolltest damals schon das Lesen zu deinem Hobby machen. Aber sehen wir es doch wie es ist. Du hast keinerlei Hobbys. Und nein, das Stalken von Antagonistin-san ist definitiv kein Hobby.“
Das hat gesessen. Mama kennt alle meine wunden Punkte. Ich frage mich immer noch, wie sie das macht. Schließlich spielt sie in meinem Leben immer nur dann eine Rolle, wenn es dramaturgisch wichtig erscheint. Das alles wurde mir natürlich erst klar, als ich erfahren habe, dass ich eine Protagonistin in einem Young Adult Roman bin. Schmerzlich, muss ich anfügen, denn die Art und Weise, wie es mir vor Augen geführt wurde, verfolgt mich immer noch in meinen Träumen.
„Hey, Prota-chan“, unterbricht Mutter meinen inneren Monolog, „bist du wieder in deinen Wiederholungen von Dingen, die zwar passiert sind, jetzt gerade aber nicht relevant sind, gefangen und vergisst dadurch, dass wir eine Unterhaltung führen? Mir ist es generell egal, was die Nachbarn von uns halten, aber Herr und Frau Wurzelhuber aus der 25 haben mich diese Woche bereits vier Mal darauf hingewiesen. So kann das nicht weitergehen, Prota-chan!“ Hast du mal darüber nachgedacht…“, fängt Mama an.
„Worüber nachgedacht, Mama?“
„Wieder zu den Treffen zu gehen?“
„Zu den Treffen der Anonymen ProtagonistInnen?“, frage ich sie und werde lauter, „bist du wahnsinnig? Da gehe ich nie wieder hin, die sind doch alle durchgeknallt. Weißt du, was die alles von sich geben? Da war beim letzten Mal ein Junge, der wirklich behauptet hat, er hätte uns alle vor einem Mann ohne Nase gerettet. Wie bescheuert ist das bitte?“ Mama sieht gerade sehr traurig aus. Normalerweise würde ich wahrscheinlich davon ausgehen, dass sie es auch ist. Aber seit meine wahre Identität enthüllt wurde, bin ich kaum noch zu solchen logischen und emphatischen Denkprozessen fähig. In solchen Situationen schweifen meine Gedanken meist zu ihm ab. Und dann denke ich „Wieso denkst du jetzt an ihn, dafür ist doch gar keine Zeit“ und meinst werde ich dann von meiner Umgebung auf mein dümmliches Grinsen hingewiesen. Wisst ihr es ist eine Sache, ein verliebter Teenager zu sein. Ein verliebter Teenager in der Rolle als Protagonistin ist noch mal eine ganz andere Hausnummer.
„Und genau aus diesem Grund möchte ich, dass du dir weitere Hobbys suchst oder wenigstens mit anderen über deine Probleme sprichst, Prota-chan.“ Plötzlich sehe ich wieder Mama vor mir.
„Ist es schon wieder passiert?“, frage ich sie.
„Ja, mein Schatz. Du hast deine Gedanken laut ausgesprochen. Deine Augen werden dabei immer so glasig. Dann siehst du immer aus wie dein Vater, der alte Kiffer.“
„Mama!“
„Was denn? Ist es nicht so? Hat er uns nicht für seine Plantage in den Anden verlassen?“
„Das schon Mama. Aber sag mal, gibt es dort überhaupt Plantagen?“
„Woher soll ich das wissen, du bist die Heldin eines Young Adult Romans. Erwartest du da etwa eine besonders gute Recherche?“
Das ist auch wieder wahr. Aber das alles führt doch zu nichts. Ich werde Bloggerin mit tausenden Fans und Followern. Und dann werde ich es Antagonistin-san und Mama so richtig schön unter die Nase reiben. Und Love Interest-kun wird endlich sehen, das ich besonders bin. Denn, weil in dieser Stadt ausschließlich Menschen leben, die wunderschön sind und perfekte Figuren besitzen, müssen sie eine Besonderheit haben. Bei so jungen Menschen wie mir ist zum Beispiel eine „Gabe“, wie ich sie besitze. Das ist gut. Denn wenn die Leute älter werden, sieht das alle schon anders aus. Es passieren furchtbare Dinge. Wirklich furchtbare Dinge. Denn junge Erwachsene in unserer schönen Stadt finden nur die wahre Liebe, wenn ihnen Schlimmes angetan wird. Dann können Sie durch den Partner oder die Partnerin gerettet werden. Es klingt so romantisch, aber auch gruselig. Deswegen versuche ich auch jetzt mit Love Interest-kun zusammen zu kommen. Damit mir dies alles erspart bleibt. Obwohl mir beim letzten und ersten Treffen der Anonymen ProtagonistInnen erzählt wurde, dass ich als junge Heldin wahrscheinlich fein raus bin. Ach, Love Interest-kun. Was er wohl jetzt macht? Ob er an mich denkt? Immerhin bin ich erst gestern in der Schule genau vor seinem Füßen gestolpert und auf die Nase gefallen. Seine Freunde haben mich ausgelacht, aber er, er hat mir ein Taschentuch für meine blutende Nase gegeben. Gut, er hat es mir vor die Füße geworfen, aber er hat nicht gelacht, nur ein wenig gelächelt. Aber es war dieses sogenannte „schiefe Lächeln“ was bedeuten könnte, dass er mich mag. Er wird so kommen. Nein, es muss so kommen! Er wird Antagonistin-san abservieren. Denn sie ist blond, hat tolle Haaren und ein wunderbares lächeln. Das bedeutet automatisch, dass sie charakterlich ein Biest ist. So sind die Menschen in dieser Stadt eben. Ich werde zu ihm gehen und ihm meinen Blog mit all den deepen Texten zeigen. Er wird begeistert sein und erkennen, dass ich, Prota-chan, ein Hobby habe. Er wird sagen „Oh, Prota-chan. Im Gegensatz zu Antagonistin-san wirkst du so furchtbar interessant, wie konnte ich die ganze Zeit über nur so blind sein?“ und dann wird er mich küssen. Das wird so gr-“
„Träum‘ weiter, mein Kind.“
„Habe ich es etwa schon wieder getan?“

 

-Ende-

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