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Bad Boys – knallharte Kerle oder eben doch nicht?

Die Geldmaschinerie der Bad Boy Romane ist immer noch unaufhaltsam. Ein Roman nach dem anderen wird auf den Markt gebracht. Ganze Verlage scheinen sich nur noch mit diesem einen Thema befassen zu wollen. Es muss also weiterhin eine Leseschaft geben, die mehr von diesen (meist New Adult) Romanen haben will. Doch was genau macht den Reiz dieser Bücher aus? Und warum sind die Roman-Bad Boys eigentlich gar keine bösen Jungs?

Damals war alles scheiße

Eins haben all diese Geschichten gemeinsam: Protagonistin und/oder Protagonist geht es in der Gegenwart sehr sehr schlecht, weil der Schatten der Vergangenheit auf ihnen lastet. Denn seien wir mal ehrlich, anders, als durch ein Trauma können die beiden nicht zu einander finden. Wie denn auch, wenn verdammt noch mal alle Figuren im Roman so wunderschön sind, dass sie kaum auseinander zu halten sind? Doch halt, die Rettung naht. Unsere wundervolle Protagonistin ist nicht nur schön, sie ist auch furchtbar traurig. Eine Eigenschaft, die den härtesten Bad Boy innerhalb 320 Seiten zu Fall bringen wird. Die Antagonistin, zu Beginn des Romans allerdings Noch-Freundin des Bad Boys ist neben ihrer Schönheit nichts weiter als hinterhältig und bösartig. Da kann er einfach nicht bei bleiben. Vor allem nicht, wenn sie blond ist. Blondinen sind die aller schlimmsten unter den Antagonistinnen. Wenn das Pärchen-to-be über 20 Kapitel endlich herausgefunden hat, dass sie sich beide dringend in Therapie begeben müssten, entschließen sie sich lieber dafür, sich gegenseitig zu „retten“. Ach wie schön, Herzemoji.

Bitte rette mich

Protagonistinnen wollen Bad Boys retten. Das geht gar nicht anders, das liegt in ihren Genen. Sie können sich dem einfach nicht entziehen. Das ist gefährlich, denn in den meisten Fällen ist die Heldin Schülerin oder Studentin und hat keinerlei Erfahrung im Umgang mit Traumata. Aber sie gibt ihm das was er braucht: Einen Menschen, den er kontrollieren kann. Das sollte ausreichen. Bestimmt.

Hier an dieser Stelle sei einmal der Spaß beiseite geschoben. Solche Beziehungen sind in Romanen für die ein oder anderen LeserInnen unterhaltsam, in der Wirklichkeit solltet ihr aber bitte daran denken, dass sie toxisch und keinesfalls romantisch sind.

Wo ist nun bitte schön der Bad Boy?

Was mich bei all den Romanen immer wieder stirnrunzelnd zurückgelassen hat war die Frage, wo genau dieser eine Kerl denn nun ein Bad Boy war. Denn, und jetzt müssen wir alle ganz stark sein, eigentlich sind sie es eben doch nicht. Wenn ihr einmal in euch geht und euch einen Bad Boy vorstellt, der nicht die Rolle in einem Liebesroman einnimmt, was seht ihr da? Sicherlich ein ganz anderer Mensch, als er in solchen Romanen dargestellt wird.

Wir haben ja bereits festgestellt, dass Prota-chan ihren geliebten Bad Boy „retten“ will. Aber wovor und warum genau? Ist es nicht der Nervenkitzel und das Abenteuer, was sie schlussendlich zu ihm geführt hat? Ist sein Verhalten und sein Charakter nicht das, was sie ihn statt des „netten“ besten Freundes hat wählen lassen und weswegen sie ihren „netten“ Freund verlassen hat? Bevor der Bad Boy auf die Romanheldin traf, trank er sich durch die Stadt und schlief sich durch die Betten der Bewohnerinnen eben dieser. Oh, und meist trug er dabei eine fancy Lederjacke und ließ sich zwischendurch das ein oder andere Tattoo stechen. Aber dann BOOM, trifft er eines Tages die Protagonist und alles ändert sich. Er ändert sich.

Aus dem wilden und unabhängigen Bad Boy wird ein zahmer, jedoch eifersüchtiger Stubentiger. Wo Treue vorher lediglich mit Rabattaktionen im Supermarkt in Verbindung gebracht wurde, verlangt der ehemals harte Kerl nun, dass sich seine neue An­ge­be­te­te ihm völlig unterwirft  und dabei sämtliche Freundschaften zu Männern über Board wirft. Da fallen dann auch gerne mal Sätze wie „Baby, du gehörst nur mir. Ich will nicht, dass du mit anderen Männern sprichst und am liebsten wäre es mir, wenn sie dich gar nicht erst ansehen würden.“ Noch einmal, in Romanen ist das alles schön und gut. Aber im echten Leben solltet ihr nach so einem Satz so schnell rennen wie ihr nur könnt.

Bis auf diesen Aussetzer allerdings fügt sich Mr. Ich bin ja so ein harter Kerl jedoch komplett der ihm neuen Welt der Monogamie und lebt mit Prota-chan glücklich bis an sein Lebensende. Ist das Buch eine dreibändige Reihe, sind mit Sicherheit auch eine Hochzeit sowie Kinder inkludiert. Daran darf sich allerdings nichts ändern. Ist er untreu, muss er gehen (bis zum Ende von Band 2, in Band 3 kommen sie wieder zusammen – um sich dann noch mal zu trennen um aber dann endgültig wieder zusammen zu kommen). Nicht nur dass er treu wird, er trägt jetzt sogar den Müll raus! Und fährt mit zu den Eltern (eigentlich nur zum Vater, denn Mutter ist bereits tot) und stellt sich dem üblichen Fragemarathon der besten Freundin. Was für ein Traumker- moment. In dem sich sein Verhalten so radikal ändern, wird er da nicht selbst zum „netten“ Kerl?
Wollen die Protagonistinnen am Ende dann noch lieber den „lieben“ Mann, der Verantwortung übernehmen kann und zuverlässig ist? Und welche Auswirkungen hat dies auf die Beziehung, wenn sich sein Charakter komplett davon wegbewegt, was ihn für sie zuvor so interessant gemacht hat?

Bloß nicht „New Adult Bad Boy“ in die Bildersuche eingeben! Ein Teil der Ergebnisse würde die Bevölkerung verunsichern.

Was ist also nun der Reiz an der Sache?

Ich kann es euch ehrlich gesagt nicht beantworten, dafür bin ich nicht die Zielgruppe. Das habe ich sogar ganz allein herausgefunden, toll nicht? Allerdings kann ich nachvollziehen, warum sich andere nach so einer Art Literatur sehnen. Hätten wir alle die gleichen Interessen wäre der Buchmarkt sehr überschaubar und langweilig. Ich muss mich nicht zwanghaft an Verlage halten, die nicht mehr von diesem Kurs abweichen wollen, denn es gibt zum Glück so viel Auswahl – auch im Bereich der Selfpublisher. Und wenn mehr Leserinnen so denken und handeln wird es sicherlich auch irgendwann eine neue Welle an Büchern geben, die dann vielleicht endlich mal frei von toxischen Beziehungen und fragwürdigen Vorbildern sein werden. Denn, und hier müssen wir wieder einmal sehr ehrlich mit uns sein, dies trifft leider auf die meisten der Bücher vor, in denen ein Bad Boy eine größere Rolle spielt.
Wenn Menschen hin und wieder zu solchen Büchern greifen und sagen, sie brauchen dies zum Abschalten vom Alltag: geschenkt. Wenn allerdings nichts anderes und auch nur noch in großer Masse konsumiert wird, kann ich diese Ausrede nicht mehr gelten lassen. Dies ist auch kein Angriff auf die Leserinnen dieser Romane, sondern lediglich das Aufführen des Hauptarguments, welches bei Nachfrage immer wieder genannt wird. Und weil Austausch wichtig ist und uns weiter bringt würde ich von euch gerne hören, was für euch einen guten Bad Boy Roman ausmacht oder warum ihr denkt, dass die Leserschaft davon nicht genug bekommen kann.

Mein Gefühl sagt mir, dass die Beziehungen – die in diesen Büchern entstehen – die so weit weg von denen sind, die uns sonst im Alltag begegnen, der Aufhänger sind. Die Figuren (so habe ich es wahrgenommen) ähneln sich einfach viel zu sehr, (egal welches Buch, egal welche Autorin/welchem Autor) als dass sie ausschlaggebend sein könnten. Hier entstehen also Zwischenmenschlichkeiten, die wir sonst selten erleben und natürlich trägt die oft eingefügte Dramatik ihren Teil dazu bei. Außerdem ist da natürlich noch der Wunsch, diesen einen besonderen Menschen – der sonst niemanden an sich ran lässt – für sich gewinnen zu können. Doch, zu welchem Preis werden diese Beziehungen eingegangen?

 

 

 

Titelbild: Shutterstock, Eugene Partyzan, 283629221

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3 thoughts on “Bad Boys – knallharte Kerle oder eben doch nicht?

  1. Liebe Nise,
    Wow, was für ein toller Beitrag. Du hast dich dem Thema finde ich sehr gut angenommen. Du betrachtest es differenziert, nicht verurteilend. Ich liebe die Art, wie du schreibst und musste echt mehrmals lachen. An den richtigen Stellen war der Text dann aber auch wieder sehr ernst, wie es die zugrundeliegende Problematik ja auch durchaus verlangen kann.
    Kurzum, ein wirklich gelungener Beitrag. Vielen Dank dafür.
    Da ich diese Art von Büchern nicht lese, kann ich dazu auch nicht viel mehr sagen, als das ich den Reiz dahinter nicht wirklich verstehe. Deinen Erklärungsansatz finde ich aber durchaus plausibel. Aber mal sehen, vielleicht kommen hier ja noch ein paar weitere aufschlussreiche Antworten. 🙂
    Liebste Grüße, Julia

    1. Hallo Julia!
      Vielen Dank für deine lieben Worte. Es freut mich sehr, dass dir der Beitrag gefallen hat. Ich hatte vor ein paar Tagen abends auf einmal diese Idee im Kopf und wollte sie so gut ich es eben hinbekomme, aufschreiben. Weil ich mir sicher bin/war dass ich nicht die einzige bin die sich fragt, was mit diesen Beziehungen passiert, wenn der Bad Boy auf einmal „lieb“ wird. 😀
      Eine Zeit lang hab ich die Sachen gelesen. Zum einen weil immer die Hoffnung hatte, dass da auch mal was gutes dabei sein muss (Spoiler: es passiert nur selten) und anderen weil ich auch ein bisschen das Gefühl hatte, dass diese Bücher auch mal ein paar negative Rezensionen gute gebrauchen können.

      Liebe Grüße,
      Nise

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